15 Jahre nach Tschernobyl:

Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe

Edmund Lengfelder und Christine Frenzel

Vor nunmehr 15 Jahren ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie: der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte. Der Standort des Kraftwerks ist ca. 100 km nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew nahe dem Grenzgebiet zu Belarus gelegen. Es wurden etwa 1019 Bq Spaltprodukte in die Atmosphäre freigesetzt, darunter zwischen 50 % und 80 % des Inventars an Radiojod. Bereits 36 Stunden nach der Explosion wurden stark erhöhte Werte der Luftaktivität in Skandinavien gemessen. Am 29. April 1986 gegen 18:00 Uhr überquerten die ersten radioaktiven Luftmassen die Grenze zwischen Tschechien und Bayern.

Die Freisetzungsdauer betrug 10 Tage mit sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen. Dadurch ergab sich eine Verteilung der radioaktiven Ablagerung von 70 % in Belarus und je 15 % in der Ukraine und in Russland. Die lokalen Regenfälle erzeugten eine sehr inhomogene Verteilung der Radionuklide in den betroffenen Gebieten. Auch außerhalb der durch die sowjetischen Behörden festgesetzten Sperrzone mit 30 km Radius war in manchen Gegenden in den ersten Tagen die Dosisleistung im Freien beträchtlich. Messungen von sowjetischen Militärdosimetristen in der ukrainischen Kreisstadt Naroditschi, 70 km westlich des Tschernobyl-Reaktors, ergaben 30 Stunden nach der Explosion Werte für die Ionendosisleistung im Freien von 3 R/h.

In Belarus wurden 7 000 km² zur Sperrzone und Zone strikter Kontrolle erklärt, in der Ukraine 1 000 km² und in Russland 2 000 km². Sogar 400 km Luftlinie vom Reaktor entfernt mussten im Rajon (= Landkreis) Woloschin nordwestlich von Minsk einige Dörfer evakuiert

werden, während weite Gebiete dazwischen weniger kontaminiert wurden als einige Gebiete in Bayern. Im allgemeinen zuverlässige Kartierungen der kontaminierten Landflächen der GUS gab es erst seit 1989, allerdings nur für das Leitnuklid Cs-137. Im Oblast Gomel (Verwaltungsgebiet größer als Baden-Württemberg) wurde erst im Jahr 1991/92 im Rajon Wetka – 40 km nordöstlich der Gebietshauptstadt Gomel und 140 km von Tschernobyl entfernt – ein großes Gebiet evakuiert. Dort wurde eine weitere Sperrzone geschaffen. Die Menschen waren aber bis dahin der vollen Strahlenbelastung ausgesetzt und haben bei der Umsiedlung ihr Krebsrisiko „mitgenommen“.

Nach der Schätzung der WHO liegt die Zahl der Liquidatoren (= Menschen, die für Aufräumarbeiten am Reaktor, Evakuierung von Bevölkerung und Vieh, Bau des Sarkophags, Waschen von Ortschaften usw. eingesetzt waren) bei 800 000. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in der Ukraine sind dort bereits ca. 15 000 Liquidatoren gestorben, eingerechnet die überdurchschnittlich hohe Zahl an Selbstmorden. Die Schätzungen der Liquidatorenverbände in den drei Republiken liegen erheblich über den offiziellen Angaben. In Abwägung der Angaben der Quellen kann man davon ausgehen, dass bis Ende 1999 mehr als 50 000 Liquidatoren seit dem Tschernobyl-Unfall gestorben sind. Nach russischen Angaben sind heute ein großer Teil der Liquidatoren Invaliden und leiden u.a. an Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie.

Das Internationale Tschernobyl-Projekt. Auf Ersuchen der sowjetischen Regierung hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, eine