Die gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Durch die Explosion und den Brand im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl am 26. April
1986  wurden weite Gebiete Weißrusslands, Russlands und der Ukraine massiv radioaktiv kontaminiert. In
geringerem  Maße waren auch Nord- und Mitteleuropa, der Balkan und Kleinasien durch die Ausbreitung und 
den  Niederschlag radioaktiver Stoffe betroffen. 

 Zehn Jahre nach dem Unfall werden die gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe deutlich; 
 Langzeiteffekte müssen jedoch weiter verfolgt werden: 

Von den Hilfskräften bei der unmittelbaren Unfallbekämpfung zeigten 134 Personen Symptome
einer akuten Strahlenkrankheit, 28 Personen starben innerhalb weniger Wochen. Drei weitere Personen
starben an Verbrennungen oder Herzinfarkt. Nach ukrainischen Angaben sind von den akut
Strahlenkranken in den Folgejahren weitere 14 Personen gestorben.

Zur Bekämpfung des Unfalls und seiner Folgen sollen 800 000 Personen als sogenannte
Liquidatoren  eingesetzt worden sein. Die Anzahl derjenigen, die der Strahlung ausgesetzt waren, wird auf
200 000 geschätzt. Als durchschnittliche Strahlendosis für diese Personen werden ca. 100 mSv
angegeben, wobei die Bandbreite der erhaltenen Dosen sehr weit ist. Zum Teil ist die erhaltene Dosis nicht
bestimmbar.

Nach noch vorläufigen Informationen wird unter den Liquidatoren ein Anstieg von Krebsfällen und
Leukämie berichtet. Da vor dem Unfall für die Gruppe der Liquidatoren naturgemäß keine  statistischen
Daten vorliegen, ist dieser Befund noch nicht abgesichert.

Der Gesundheitszustand, die psychische Verfassung und der soziale Status der Liquidatoren  werden
allgemein als schlecht eingestuft. Krankheiten bis hin zur Invalidität haben unzweifelhaft  zugenommen.
Eine Zuordnung zur erhaltenen Strahlenexposition ist nicht möglich und wahrscheinlich in den
meisten  Fällen auch unbegründet. Die Verschlechterung der Lebensumstände, die Furcht vor erwarteten
Strahlenwirkungen sowie die gesellschaftliche Ausgrenzung spielen eine wesentliche Rolle.
Ein Abweichen der Sterberate unter den Liquidatoren von der Sterberate der Bevölkerung wurde
bisher nicht beobachtet. Diese Sterberate hat sich in den betroffenen Ländern seit 1990 deutlich erhöht,
jedoch generell und nicht nur in den von Strahlung betroffenen Gebieten. Die Selbstmordrate und die
Anzahl  tödlicher Verkehrsunfälle sind seit 1990 auf etwa das Doppelte angestiegen.

Als einzige bisher klar belegte strahlenbedingte Auswirkung des Unfalls für die Gesundheit der
Bevölkerung zeigt sich ein starker Anstieg der Fälle von Schilddrüsenkrebs unter Kindern und
Heranwachsenden. Unter Kindern bis zu 14 Jahren (Zeitpunkt der Diagnose der Krankheit) wurden
bisher  von 1986 bis heute 662 Fälle diagnostiziert. Diese Fälle konzentrieren sich zu über 60 % auf hoch
belastete Gebiete. Alle Schilddrüsenkrebsfälle mussten operiert werden, in den meisten Fällen mit
gutem Erfolg. Einige Kinder sind jedoch verstorben. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei den
Heranwachsenden, die zum Zeitpunkt des Unfalls unter 18 Jahre alt waren, tritt vermehrt
Schilddrüsenkrebs auf. Wegen unterschiedlicher Altersgrenzen ist die Anzahl der Krankheitsfälle in
den drei Ländern nicht einfach vergleichbar. Zählt man die Anzahl der Fälle für Kinder und
Heranwachsende  zusammen, so erhält man ungefähr 1 000 Schilddrüsenkrebsfälle.

Es wird kein strahlenbedingter Anstieg von anderen Krebsarten, Leukämie oder Lymphomen unter
der Bevölkerung aufgrund der andauernden Strahlenexposition beobachtet, auch nicht in den hoch
belasteten Gebieten. Dies gilt auch für Leukämie bei Kindern als erstes Anzeichen für strahlenbedingte
Effekte.
Signifikant ist eine generelle Verschlechterung des Gesundheitszustandes der betroffenen
Bevölkerung mit Krankheitsbildern unterschiedlicher Art einschließlich von Symptomen wie Angst,
Depressionen und  psychosomatischen Störungen. Diese Gesundheitsstörungen und Krankheiten
lassen sich nicht auf radioaktive Strahlenexpositionen zurückführen. Die meisten Untersuchungen,
die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, sind ebenso wie die Weltgesundheitsorganisation zu dem
Schluß gekommen, daß die Ursachen in Faktoren wie Stress und Trauma der Zwangsumsiedlungen,
Verlust der  gesellschaftlichen  Bindungen, Furcht vor radioaktiven Strahlen, schlechten sozialen und
beruflichen Perspektiven sowie unzureichender Ernährung zu sehen sind.

Bei der Bevölkerung in Deutschland sind keine gesundheitlichen Effekte durch die Strahlendosen
als  Folge der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl festzustellen.