Droht eine neue Katastrophe in Tschernobyl???

Im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl droht eine neue
Nuklearkatastrophe. „Die Hülle um den Katastrophenreaktor kann
jeden Tag einstürzen, und dann sind wir wieder da, wo wir 1986
waren“, sagte der Atomwissenschaftler Valentin Kupny FOCUS.
Was passiere, wenn das morsche Dach der Reaktorruine einbreche,
hänge von den Windbedingungen ab. Dass dann wieder
Radioaktivität in den Westen gelangen könnte, wollte Kupny nicht
ausschließen, sagte aber zugleich, er halte es für
„unwahrscheinlich“. Der 64-jährige war seit 1995 Direktor des
„Sarkophags“ von Tschernobyl und stellvertretender Direktor der
Betreibergesellschaft der gesamten Atomanlage.

Nach seinen Äußerungen zu FOCUS Mitte März wurde er fristlos
entlassen. Kupny zufolge ist der „Sarkophag“ aus Beton und Stahl,
der unmittelbar nach dem Super-GAU am 26. April 1986 um den
explodierten vierten Reaktorblock errichtet wurde, so löchrig, dass
täglich Radioaktivität austrete. Was sich im Inneren des
Unglücksreaktors genau abspiele, sei der Reaktorleitung
unbekannt. Gelegentlich komme es noch zu atomaren
Reaktionen. „Im September 1996 haben wir die letzte
Kettenreaktion gemessen. Aber es kann gut sein, dass auch jetzt
etwas läuft. Wir wissen es nicht“, so Kupny.

Bereits 1986 musste Kupny die Leitung eines Atomkraftwerks
abgeben, nachdem er die extrem hohen Strahlenwerte nach dem
Super-GAU von Tschernobyl publik machte – zu einem Zeitpunkt,
als die Sowjetbehörden die Katastrophe noch als „Unfall“
herunterspielten.

12.04.2001