Panne am Jahrestag von Tschernobyl

Europas größtes Atomkraftwerk Saporischija in der Ukraine musste abgeschaltet werden

Kiew. Ein Reaktor des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischija ist am Donnerstagabend nach einer Panne abgeschaltet worden. Das teilte die staatliche Nukleargesellschaft Energoatom am Freitag, dem 16. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, in Kiew mit.


Reaktor Nummer drei sei vom Netz genommen worden, nachdem ein Hauptstromkabel des Sicherheitssystems beschädigt worden sei, hieß es. Es sei keine Radioaktivität. Saporischija ist mit sechs Reaktoren die größte Atomkraftwerksanlage Europas. Drei seiner Reaktoren werden zurzeit repariert.

In der ukrainischen Ortschaft Slawutytsch gedachten unterdessen hunderte Menschen mit Kerzen, Blumen und Gebeten den Opfern der Tschernobyl-Katastrophe vor 16 Jahren. Viele der Teilnehmer an der Gedenkzeremonie arbeiten noch heute in dem seit 2000 stillgelegten Atomkraftwerk. "Ich komme jedes Jahr hierher", sagt Ljubow Rasowowa, die am Unglückstag 1986 frei hatte und daher nicht an ihrer Arbeitsstelle in dem Kernkraftwerk war. Die Überlebenden treffen sich alljährlich am 26. April um 13.23 Uhr, dem Zeitpunkt der Explosion im Reaktor Nummer vier. Sie löste einen Großbrand aus, der eine radioaktive Wolke freisetzte, die dann Teile Weißrusslands, Russlands, der Ukraine und große Teile Europas verstrahlte. Rasowowa leitet das Lager in Tschernobyl und kannte viele der 26 Männer und zwei Frauen, die binnen weniger Tagen nach der Katastrophe starben. Ihre Porträts sind in die Granitmauer einer kleinen Gedenkstätte geätzt.

Tausende weitere Menschen in der Region starben inzwischen an Strahlenkrankheit, 70000 Ukrainer wurden wegen Strahlenschäden erwerbsunfähig. Sieben Millionen Menschen in der Ukraine, Russland und Weißrussland leiden insgesamt an den Folgen des Gaus.

Doch lastet nicht nur die Vergangenheit auf den Menschen, auch über die Zukunft machen sie sich Sorgen. Seit der Schließung des Kraftwerks im Dezember 2000 droht ihnen der Arbeitsplatzverlust. Etwa 1500 Menschen haben Slawutytsch bereits verlassen, und weitere werden wohl folgen. Der Ort wurde nach dem Unglück gebaut, um Arbeitern Unterkunft zu bieten, die zwangsweise aus Häusern nahe der Anlage umgesiedelt wurden.

"Das wichtigste für die Stadt ist heute das Überleben", sagt Bürgermeister Wladimir Odowitschenko. Die Arbeiten konzentrieren sich mittlerweile auf den Rückbau des Kraftwerks, und dafür ist Geld aus dem Ausland nötig. "Wir sind von Spendengeldern abhängig", sagt der Bürgermeister. Tausende der 25000 Einwohner arbeiten noch immer in "der Zone" - einem kurz nach dem Unglück evakuierten Gebiet von 30 Kilometern Durchmesser in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks. Der Bürgermeister aber ist zuversichtlich, dass seine Stadt sicher ist, die am Zonenrand liegt. TIM VICKERY

Quelle Saarbrücker-Zeitung 27.04.2002