Ukraine schließt Reaktor in Tschernobyl
 

Kiew/Berlin (dpa) - Fast 15 Jahre nach der verheerenden Atomexplosion im
ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist die berüchtigte Atomanlage am Freitag
endgültig abgeschaltet worden. In Deutschland wurde die Stilllegung von Tschernobyl
mit Erleichterung aufgenommen. Zugleich kritisierten die Bundesregierung und
Umweltschützer aber die Fertigstellung zweier Ersatz-Reaktoren in der Ukraine mit Hilfe
westlicher Kredite.

Auf Anordnung des ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma leitete
Kraftwerksdirektor Witali Tolstonogow um 12.18 Uhr MEZ die Stilllegung ein. «Dieser
15. Dezember ist ein besonderer Tag in der Geschichte der Ukraine und der ganzen
Welt», sagte Kutschma bei einer Feierstunde in der 140 Kilometer von Tschernobyl
entfernten Hauptstadt Kiew. Die Ukraine hatte noch bis Anfang Dezember im
baugleichen Nachbarblock des Katastrophenreaktors Atomstrom produziert.

Wie viele Menschen bis heute an den Strahlenfolgen der Katastrophe starben, ist
unklar. Russische Experte gehen von 300 000 Toten aus, meldete die Agentur
Itar-Tass. Am 26. April 1986 hatte eine unkontrollierte Kernschmelze den vierten
Reaktorblock zur Explosion gebracht und die schlimmste Katastrophe in der Geschichte
der friedlichen Nutzung der Kernenergie ausgelöst.

US-Präsident Bill Clinton lobte in einer in Kiew veröffentlichten Grußbotschaft, die
Entscheidung zur Abschaltung des Kraftwerks sei ein Sieg der freien und
demokratischen Staaten. Die Stilllegung von Tschernobyl sei «überfällig» gewesen,
erklärte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Das Unglück 1986 habe «klar vor Augen
geführt, dass die Nutzung der Atomenergie mit unkalkulierbaren Risiken verbunden ist».
Tschernobyl markiere den «Anfang vom Ende der Atomkraft».

Die Bundesregierung betrachte die Fertigstellung der beiden Ersatzreaktoren Rowno
und Chmelnizki nicht als sinnvolle Lösung für die Energieprobleme der Ukraine, sagte
Trittin. Vorrang müsse das Energiesparen, ein effizienter Betrieb konventioneller
Kraftwerke und die Nutzung erneuerbarer Energien haben.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte, die Fertigstellung der beiden
Ersatzreaktoren sowjetischer Bauart bedeute selbst mit westlicher Technik ein zu hohes
Sicherheitsrisiko. Der Greenpeace-Atomexperte Veit Bürger warnte im Potsdamer
Rundfunksender Radio Eins: «Man ersetzt Tschernobyl durch zwei neue potenzielle
Tschernobyls.»

Für die beiden Nachfolge-Reaktoren in der Westukraine hatte die Osteuropa-Bank bei
Enthaltung Deutschlands einen Kredit gebilligt. Auch die Europäische Union hat für
den Bau ein Darlehen gewährt. Insgesamt beläuft sich die Kreditsumme auf etwa 1,5
Milliarden Dollar. Umweltschützer hatten bemängelt, dass Deutschland angesichts der
Sicherheitsbedenken nicht ein klares Nein zur Finanzierung der neuen Reaktoren
abgegeben habe.

Mit der Abschaltung beginnt der langwierige Prozess der Stilllegung des Atommeilers.
Experten gehen davon aus, dass die größte radioaktive Gefahr frühestens im Jahr 2008
gebannt ist. Bis dahin soll die Mehrzahl der mehr als 5 000 Mitarbeiter des dritten
Reaktorblocks dort beschäftigt bleiben.

In der ukrainischen Öffentlichkeit überwog bis zuletzt die Meinung, es sei fahrlässig,
einen Reaktor mitten im Winter abzuschalten. Das flächenmäßig zweitgrößte Land
Europas leidet seit Jahren unter extremen Stromabschaltungen. Das Parlament hatte
am Vortag mit einem Dringlichkeitsantrag noch vergeblich versucht, die Abschaltung
Tschernobyls zumindest auf April 2001 hinauszuzögern.