Was in Tschernobyl wirklich geschah.

Am Freitag, dem 25. April 1986, sah der Verantwortliche für die Brandsicherheit im größten Kern-Kraftwerk der Ukraine ein ruhiges Wochenende vor sich. Major Leonid Teljatnikow, Kommandeur der nur aus Soldaten bestehenden Feuerwehrbrigade 2 im Wladimir-Iljitsch-Lenin Werk bei Tschernobyl, hatte sich bis Sonntag freigenommen. Zu Hause, nur sechs Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt, genoß er die Ruhe und das schöne Wetter.

In der Ukraine war es endlich Frühling geworden. Innerhalb weniger Tage hatten sich die Obstgärten und Wälder am Pripjet-Fluß in frisches Grün gehüllt, Löwenzahn und Lilien glänzten auf den Wiesen des Kiewer Umlands, und an den Apfelbäumen zeigten sich die ersten weißen Blüten. Der Arbeitszyklus im KKW gestattete die Gedanken auf Frühling und Freizeit zu lenken. Es war die Zeit der „profilaktika“, der normalen Frühlingsinspektion. Brennstoffwechsel, Wartungs- und Reparaturarbeiten standen an, außerdem im vierten Block einige wissenschaftliche Experimente mit dem dort seit über zwei Jahren laufenden neuen Druckröhrenreaktor vom Typ RBMK. Er war dazu auf sieben Prozent seiner Leistungsfähigkeit von 1000 Megawatt heruntergefahren worden.

Von den 17 Mann des Wartungstrupps in Block 4 waren nicht weniger als zehn bereits ins Wochenende gegangen, ein Wochenende, das in der Sowjetunion eine lange Feiertagsperiode einleitete: mit dem kommunistischen 1. Mai, dem russisch-orthodoxen Osterfest und dem 9. Mai, dem Jahrestag des Sieges über Hitler- Deutschland. Wartungschef Archipow fuhr mit seinem Auto ins Nachbargebiet Polesskoje, um Hechte zu angeln und den Nachtigallen zu lauschen. Der Werksleiter des Chemielabors, Anatoli Grashdankin verbrachte den Freitag im Bett. Die Nachtschicht, die am Freitagabend den Dienst im Reaktorblock 4 übernahm, war so dünn besetzt wie nur eben möglich -weniger als 150 Leute.

Der stellvertretende Direktor, des Kurtschatow - Kernenergieinstituts, Lew Feoktistow wurde später vom sowjetischen Fernsehen gefragt, ob er vor jenem Freitag eine Katastrophe wie in Tschernobyl für möglich gehalten hätte. Ich hätte gesagt, das sei völlig unwahrscheinlich, antwortete er freimütig. »Völlig unwahrscheinlich.« Er durfte auch nichts anderes sagen. 1985 hatte er in einem Beitrag über das Lenin-Kraftwerk, den die für die USA bestimmte Zeitschrift »Soviet Lift« veröffentlichte, geschrieben: »in den 30 Jahren seit der Eröffnung des ersten sowjetischen Kernkraftwerks hat es keinen einzigen Vorfall gegeben, bei dem Arbeiter oder Anwohner ernsthaft gefährdet wurden; nicht eine einzige Unterbrechung des normalen Betriebs trat auf, die zur Verseuchung von Luft, Wasser oder Boden geführt hätte.«

Die Überlebenden der Nachtschicht in Block 4 erinnerten sich später, »gedämpfte Geräusche« gehört zu haben, kurz darauf das scharfe Zischen von entweichendem Dampf. Genau um 1 Uhr 23 Minuten und 40 Sekunden dröhnte am Samstag, dem 26. April, eine gewaltige Explosion durch die Reaktorhalle. Das Dach zerbarst unter dem Druck. Am Nachthimmel über dem Pripjet-Ufer schoß ein gleißender Feuerkegel empor. Das »Unwahrscheinliche« war geschehen -und es löste all die Folgen aus, die Feoktistow in seinem Artikel ausgeschlossen hatte.

Der Grund für die Katastrophe ist der älteste der Welt: menschliches Versagen. »Eine Reihe inkorrekter Handlungen«, erklärte Wochen später Jewgenj Welichow, Vizepräsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, »führte zu dem, was passierte.« Die »gedämpften Geräusche« stammten von einem sprunghaften Energieanstieg, den Fachleute als »nukleare Exkursion« bezeichnen - von sieben auf 50 Prozent Leistung in nur zehn Sekunden. Schuld daran hatte der Betriebsingenieur und zu einem gewissen Teil die schlechte Ausrüstung dos Kontrollraums, von dem aus bei RBMK-Kernkraftwerken zwei Reaktoren gleichzeitig bedient werden, hier Block 3 und 4.

Der Reaktor, ein wahres Ungetüm aus 1704 Tonnen Graphitblöcken, Hunderten von in Zirkoniumbehältern eingebetteten Brennstäben mit fast 200 Tonnen Uran und 1600 Druckwasserröhren, 13 Meter breit und neun Meter tief, bleibt auch im leistungsschwachen Zustand höchst komplex, sensibel -und gefährlich. Beim Baukasten-System des RBMK-Model kann eine Kernspaltung auch in nur einem Teil der Anlage entstehen, gewollt und ungewollt. In den frühen Morgenstunden des Samstag stellte der Betriebsingenieur offenbar fest, daß eine solche »lokale kritische Masse« entstanden war. Er versuchte, mit Hilfe des vollautomatischen Ladekrans einige der 180 Steuerstäbe in den Reaktorkern zu senken. Sie sind mit Bor gefüllt und können das nukleare Feuer ab- schwächen. Sein Ziel war, die kritische Masse zu verteilen, um die Balance im Reaktor wiederherzustellen. Doch er verkalkulierte sich beim Ausmaß der Hitze auf fatale Weise - der Kernspaltungsprozeß entglitt seiner Kontrolle.

»Die Instrumente in einem Reaktor dieser Größe reagieren nicht schnell genug, erklärt ein westlicher KKW Fachmann. Hinzu kommt, daß die Neutronenzähler, die jede Kernspaltung registrieren müssen, nicht zuverlässig funktionieren, wenn der Reaktor auf niedrigen Touren läuft. So wurde der Betriebsingenieur nach seinem ersten entscheidenden Fehler zu spät über die Folgen seines Schritts gewarnt. Überdies läuft bei sieben Prozent Leistung auch wesentlich weniger Kühlwasser durch das ebenfalls aus Zirkonium bestehende Druckröhrengeflecht. Deshalb stieg die Brennstofftemperatur weiter an, das Kühlwasser erhitzte sich und verdampfte.

Weil Dampf aber ein viel schlechterer Wärmeleiter als Wasser ist, stieg die Temperatur um die Uranstäbe noch weiter, wahrscheinlich bis auf 1000 Grad Celsius. Bei dieser Hitze bildet das Zirkonium in einer chemischen Reaktion mit dem Dampf Wasserstoff. Schließlich sprengte der Druck die Behälter: Extrem heißer Dampf entwich zusammen mit dem Wasserstoff aus dem Reaktorkern - das scharfe Zischen, das die Mannschaften hörten.

Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Der Wasserstoff kam in der Reaktorhalle mit Luft, also mit Sauerstoff, in Verbindung. Diese Mischung führt zu einem explosionsartigen Feuer. Die Wasserstoffblase, die sich in Block 4 bildete, explodierte mit solcher Gewalt, daß die Fetzen flogen. Das Dach stürzte ein, hochgeworfene Betonteile zerstörten den Ladekran. Das 200 Tonnen schwere Gerät stürzte auf den Reaktorkern. Die Oberfläche riß auf, Druckröhren zerbarsten, und so fiel auch an der Oberfläche die Kühlung aus. Ein weiteres überhitzen war die Folge.

Schlimmer noch: In dieser fatalen Kette der Ereignisse gab es weitere Reaktionen zwischen Dampf und Zirkonium, und die rotglühenden Graphitblöcke fingen selbst Feuer. An diesem Brand war nicht nur die Hitze mörderisch. Hochradioaktive Spaltprodukte - Lanthan-140, Ruthenium-103, Caesium-137, Jod-131, Tellur-132, Strontium-84, Strontium-94 und Yttrium-91 jagten ungehindert in die Höhe und durch das klaffende Loch in der Hallendecke hinaus in die Nacht. Einziger Trost, den Boris Semjonow, stellvertretender Vorsitzender des Staatskomitees für die Nutzung der Atomenergie (GKAE), bei einer späteren Zusammenfassung der Vorgänge fand: »Während des Unfalls hörte die nukleare Kettenreaktion auf.«

Zu diesem Zeitpunkt drohte dem gesamten Kernkraftwerkskomplex von Tschernobyl die totale Zerstörung. Schon griff das Feuer auf Reaktorblock 3 über. Um 1.27 Uhr schrillte bei der Militärfeuerwehrbrigade 2, der Truppe von Major Teljatnikow, die Sirene: Alarmstufe 3, der höchste Alarmzustand. Die Männer hatten aber schon, als sie zwei Minuten zuvor das erste Donnern aus dem Reaktorblock hörten, ihre Schutzkleidung angelegt. In kürzester Zeit rannten sie zu ihren Fahrzeugen. Von ihnen hing nun alles ab.

Die Telefonzentrale des KKW alarmierte gleichzeitig die Feuerwehr in Pripjet und die oberste Branddirektion in Kiew, 130 Kilometer entfernt. Das Telefon riß auch Major Teljatnikow aus dem Schlaf - Er raste die sechs Kilometer zum Werk. Schon von weitem sah er die 30 Meter hohen Flammen über Block 4, die den Nachthimmel gespenstisch erleuchteten. Seine erste Bestandsaufnahme, kaum vor Ort, verhieß wenig Gutes. »In der Reaktorhalle wüteten Flammen auf mehreren Stockwerken, an mindestens fünf Punkten einschließlich des Dachs und der angrenzenden Turbinenhalle«„ erinnerte er sich später von einem Krankenbett in Moskau aus. Seine 28 Feuerwehrleute drohten den Kampf zu verlieren. Block 3 war in Gefahr, und Meßtrupps warnten vor gefährlich hoher Radioaktivität.

»Was auch immer geschehen sollte«, berichtete der Major, »das Feuer mußte bekämpft werden.« Er zögerte keinen Moment, und trotz der Strahlengefahr schreckte auch keiner seiner Männer zurück. Teljatnikow teilte sie in Gruppen ein. Mehrmals stieg er selbst mit einem Trupp auf das Dach der Turbinenhalle, das am schlimmsten brannte. Feuer und Rauch quollen aus dem aufgerissenen Reaktorblock zu ihnen hinauf. In der Gluthitze schmolz der Bitumenbelag des Dachs. Die Stiefel der Feuerwehrleute klebten fest. Von Minute zu Minute wurde es für sie schwerer, sich zu bewegen.

Unter diesen Bedingungen bekämpften die Brand-Soldaten das Feuer drei Stunden lang, während am Himmel die Morgendämmerung aufzog. Um fünf Uhr morgens hatten sie es geschafft, ein Ausbreiten des Atomfeuers zu verhindern.

Ihr selbstloser Einsatz, den die sowjetische Presse zu Recht als »heldenhaft« beschrieb, rettete die anderen drei 1000-Megawatt-Reaktoren, die Techniker inzwischen auf Notbetrieb abgekühlt hatten. So schlimm der Super-GAU von Tschernobyl schon war, eine Steigerung des Infernos wäre ohne Teljatnikow und seine Leute sicher gewesen.

Im KKW trafen endlich auch die ersten Löschtrupps aus Kiew ein. Zu ihnen gehörte Leutnant Iwan Saurjeje. Ihm war sofort klar, wie geschwächt die Werksfeuerwehrleute nach mehrstündigem Einsatz und starker Bestrahlung sein mußten. Er ließ sie über Leitern vom Dach herabholen und ins Krankenhaus abtransportieren. Saurjejes Leute nahmen ihre Plätze ein. Noch etwa 20 Minuten lang besprühten sie das Dach von Block 3 gegen Funkenflug. Auch diese Feuerwehrleute nahmen schwere Verstrahlungen in Kauf. 23 Männer aus diesem Nachteinsatz starben innerhalb der nächsten sechs Wochen.

Das erste Todesopfer jedoch war, unmittelbar bei der Explosion, Walerij Iwanowitsch Chodjemtschuk, ein einfacher Kraftwerkstechniker. Ehe er zur Nachtschicht aufgebrochen war, hatte er mit seiner Frau abgemacht, daß sie am Sonntag zu seiner Mutter ins Nachbardorf fahren würden, um beim Kartoffelpflanzen zu helfen. Chodjemtschuk starb unter den herabstürzenden Bautrümmern am Arbeitsplatz. Seine Leiche konnte nicht geborgen werden. Sie blieb im radioaktiven Grab des Blocks 4.

Chodjemtschuks Freund und Kollege Wladimir Nikolajewitsch Schaschjonok, Einrichter für automatische Systeme, geriet beim Ausbruch des Feuers sofort in die Flammen. Obwohl er 80prozentige Verbrennungen erlitt, gelang es ihm, sich aus dem zerstörten Gebäude zu schleppen. Als er in die Arme seiner entsetzten Kollegen fiel, keuchte er nur zwei Worte: »Walerij - drinnen!« Dann verlor er das Bewußtsein. Schaschjonok starb noch im Krankenwagen. Auch er erhielt kein ordentliches Begräbnis. Aus Furcht vor radioaktiver Verseuchung verscharrten ihn die Krankenfahrer auf dem Friedhof des ersten Dorfes, durch das sie kamen.

Weshalb der Atomunfall von Tschernobyl nicht durch die von den Sowjets vielgepriesenen Sicherheitssysteme verhindert wurde, bleibt zumindest unter westlichen Experten umstritten. In einer Erklärung vor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien betonte GKAE-Vize Boris Semjonow, beim Tschernobyl Reaktor habe es zwei Notkühlsysteme für den Reaktorkern gegeben, ein »aktives« und ein »passives«. Das »passive«: zwei Tanks mit 200 Kubikmeter Wasser, »genug, um innerhalb der ersten drei Minuten nach einem Unfall die Hitze aus dem Kern zu entfernen«. Das »aktive«: fünf dieselbetriebene Pumpanlagen, »die eine ausreichende Wasserzufuhr zum Reaktor für beinahe jeden beliebig langen Zeitraum gewährleisten«. Weshalb sie versagten, ließ Semjonow offen.

Ein internationaler Atomexperte machte einen gravierenden Denkfehler der sowjetischen Reaktorsicherheitskonstrukteure dafür verantwortlich: »Die Russen fürchteten vor allem anderen einen Bruch: der Kühlzufuhrleitungen unterhalb des Reaktorkerns. Diese Furcht führte sie zu einer schlimmen Fehleinschätzung.« Denn im Lenin-Kraftwerk trat der Bruch nicht unterhalb des Kerns auf, sondern oberhalb. Das Wasser, das von unten herangepumpt wurde, nützte nichts, sondern hätte im weiteren Verlauf des Unglücks fast noch geschadet, als Reaktorkernelemente nach unten durchzuschmelzen drohten und dort beinahe eine Wasserstoffexplosion ausgelöst hätten.

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