Willkommen bei "Dead Chernobyl"

In Pripjat lebten einst die Tschernobyl-Arbeiter mit ihren Familien. 50.000 Menschen. Nach der Katastrophe wurden sie evakuiert und kehrten nie wieder zurück. Heute ist die verseuchte Geisterstadt eine Touristenattraktion.

Die Tour "Dead Chernobyl" verspricht eine Reise an den Ort der schlimmsten Atomkatastrophe der Welt - "Ökologischen Extremtourismus". Zwischen 50 und 500 Dollar, je nach Teilnehmerzahl, kostet der Ein-Tages-Trip in die verseuchte Zone 30 Kilometer um das Atomkraftwerk; angeboten vom Reisebüro Sputnik und der Agentur Sam in Kiew. Die Sicherheitsausrüstung besteht aus Mundschutz, Dosimeter und auf Wunsch einem sterilen Baumwollanzug, der vor Strahlung schützen soll. Bevor es losgeht, müssen die Exkursionsteilnehmer unterschreiben, dass sie den Veranstalter nicht für gesundheitliche Schäden haftbar machen. Verstrahlter Schrott, zerfallende Gebäude

Der Scout der "Zone"

Wolodia Werbitskij, 43, hat eigentlich die Aufgabe, regelmäßig alle Strahlungs-Messstationen rund um Tschernobyl zu überprüfen. Kaum einer kommt in der "Zone" mehr rum. Weil er eine nette ruhige Art hat, gut erzählen kann und zu den letzten Tschernobyl-Arbeitern gehört, die die Katastrophe noch erlebt haben, ist er nebenbei auch noch gefragter Fremdenführer.

Zu seinem Tourprogramm gehören der Besuch des Atomkraftwerks mit dem mächtigen, rostigen, um den explodierten Reaktor gebauten Sarkophag sowie die Besichtigung des Autofriedhofs von Rossocha, auf dem das Sowjet-Militär verseuchte Einsatzfahrzeuge nach der Katastrophe entsorgte. Höhepunkt jeder Exkursion ist jedoch die verlassene, drei Kilometer von Tschernobyl entfernte Arbeiterstadt Pripjat, wo einst 50.000 Menschen lebten.

"1000 Prozent sicher"

Pripjat ist wie das Ziel einer Zeitreise - oder die perfekte Kulisse für einen Katastrophenfilm über einen Atomkrieg. Auch Wolodia wohnte hier. Am 26. April 1986, als der vierte Reaktorblock um halb zwei nachts explodierte, saß er in der Küche seiner Wohnung im siebten Stock. Vom Fenster aus konnte man das Atomkraftwerk nicht sehen. Er dachte, die beiden kurz aufeinander folgenden Explosionen seien nur ein aufziehendes Gewitter. 14 Tage vorher hatte er an der Universität in Moskau noch den Vortrag eines Ingenieurs gehört, der das Reaktor-Model BMK als "1000 Prozent" sicher bezeichnete.

In Wolodias ehemaliger Schule erzählen verrottete Wandplakate die glorreiche Geschichte der sozialistischen Revolution. In den Regalen stehen alte Lehrbücher über Lenin, Chruschtschow, Breschnew. Auf einem Banner über der Tür steht: "Die Bürger der UdSSR besitzen das Recht auf Bildung."

Im staatlichen Kindergarten liegen auf dem Boden Teddybären, Spielzeugautos und Gasmasken herum. "Zuerst denken Besucher, das seien Zeichen für die letzten verzweifelten Versuche der Schulkinder, sich vor der Strahlung zu retten", sagt Wolodia. "Aber es ist nur das Werk von Plünderen."

Glasscheiben geklaut

Zu Sowjetzeiten wurde das verseuchte Pripjat von 300 Milizionären in Schichten bewacht. In den 90er Jahren hat man sie aus Kostengründen abgezogen. Danach wurde aus den Häusern und Wohnungen geklaut, was tragbar war: Fernseher, Möbel, Kleider, Türen, sogar die gesamte Bestuhlung des Kinos und die riesigen Glasscheiben des Hallenbads.

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Tschernobyl: Deutsche Wildschweine strahlen noch Atomkraftwerke: Lehren aus TschernobylLehrer in Klinik: "Kuchen für Tschernobyl"Um die Strahlung scherten sich die Diebe nicht. Die Wachposten an den Schlagbäumen wurden mit ein paar Dollar überredet, voll beladene Lkw passieren zulassen. Einmal verhaftete man zwei Milizionäre, die in großem Stil Kristall und Porzellan aus verlassen Wohnungen eingesammelt hatten, um es in Kiew zu verkaufen.

Wildlebende Pferde, resistente Schaben

50 bis 100 Touristen besuchen jedes Jahr die verseuchte Zone. Die wenigsten einfach aus Sensationsgier. Es sind Geschichts-Studenten, Hobbyfotografen oder Landschaftsarchitekten, die fasziniert studieren wie die Natur die Stadt zurückerobert. Zweige wachsen aus Wasserhähnen, mächtige Baumstämme ragen aus Kanaldeckeln, Treppen sind so von Moos überwuchert, dass man die Stufen kaum noch erkennen kann.

In der seit 20 Jahren unberührten Landschaft hat sich ein einzigartiges Biotop entwickelt: Es streifen Wölfe durch die Wälder; Schwarzstörche, die vom aussterben bedroht sind, haben sich angesiedelt, Seeadler nisten in den Marschen; und die zwölf ausgesetzten Przwalski-Pferde - eine Rasse, die wildlebend sonst nirgends mehr vorkommt - vermehren sich prächtig.

Biologen stellten fest, dass die Radioaktivität Ratten und Kakerlaken nichts anhaben kann. Andere Tiere begannen zu mutieren. Man entdeckte einäugige Wildschweine und Marder-Arten, die ein unnatürlich schönes und dichtes Fell entwickelten. Ein wissenschaftliches Zentrum unter Leitung eines gewissen Professor Archipov will nun die Möglichkeit der Zucht von Pelztieren in der Zone erforschen. Tierschützer protestieren bereits.

20 Sekunden bis zum Desaster

Für die einstigen Bewohner von Pripjat werden regelmäßig spezielle Besuchstage veranstaltet. Jedes Mal kommen Hunderte. Die meisten haben die Zeit vor der Katastrophe als schönste ihres Lebens in Erinnerung. Tschernobyl-Mitarbeiter waren privilegiert. Noch im Frühjahr 1986 hatte man ihnen einen Jahrmarkt mit Riesenrad gebaut, das heute vor sich hinrostet. Pripjat galt als sowjetische Vorzeigestadt - so wie Tschernobyl ein Vorzeige-Atomkraftwerk sein sollte.

Die Katastrophe war die Folge eines leichtfertigen Experiments. Ingeniere wollten testen, wie sich der Reaktor bei totalem Stromausfall verhält. Ohne zu berücksichtigen, dass das Schnellabschaltsystem 20 Sekunden braucht. 20 Sekunden reichten, um den Reaktorblock auf 100-fache Leistung und damit zur Explosion zu bringen.

Frauen entführt und versteckt

"Als es passierte, herrschte überhaupt keine Panik", erinnert sich Wolodia. "Im Morgengrauen kam eine Nachbarin zu uns und sagte, im Werk hätte es einen Unfall gegeben. Meine Schwiegermutter gab uns Jodtabletten für die Schilddrüsen. Ich bin trotzdem zur Arbeit gefahren. Schon damals gehörte ich einem Trupp für Messungen an. Kurz vor dem Haupttor haben sie mich wieder nach Hause geschickt."

Erst anderthalb Tage später wurde Pripjat evakuiert, mit 1100 Bussen; Ausweise, Schmuck, Fotos und wenige Lebensmittel durften mitgenommen werden. "Das wahre Ausmaß begriffen wir erst, als man die Schwangeren in Krankenhäuser brachte und sie zwang abzutreiben", erzählt Wolodia. "Manche Männer haben ihre Frauen entführt und versteckt."

Die Pripjat-Tage für die ehemaligen Bewohner enden meistens mit dem Besuch des Friedhofs, auf dem die Liquidatoren begraben liegen. So lautet die offizielle Bezeichnung für jene Arbeiter, die sich fast schutzlos der Radioaktivität auslieferten, um den brennenden Reaktor zu löschen. Auf einem Denkmal, dass man ihnen setzte, steht: "Denen, die die Welt gerettet haben."

Es wird geraten, beim Betreten des Friedhofs keine Mobiltelefone mitzunehmen. Denn durch die starke Strahlung könnten sich die Batterien sofort entladen.